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Was ist mit Pädagogik geschehen?

Im Grunde scheinen sich alle einig: Pädagogik ist für die Schule und jede Art von Erziehung und Unterricht wichtig. Deshalb gibt es „Pädagogische Akademien“, „Pädagogische Institute“ und Pädagogische Seminare für Lehramts-Kandidaten.
Wenn Pädagogik so wichtig und ein ernstes Anliegen der Verantwortlichen ist - warum gibt es heute so viele „pädago­gische“ Probleme? Was eigentlich ist dann Pädagogik? Wer ist dafür verantwortlich? Wer sagt, was Pädagogik ist, was dazu gehört und was nicht? Wer bestimmt, welche Art von Pädagogik in öffentlichen Schulen angewandt wird?

Bis vor etwa 100 Jahre galt Pädagogik als Kunst; seit Ende des letzten Jahrhunderts versteht man sie als Wissen­schaft. Im al­ten Griechenland war der „Pädagoge“ ein Skla­ve, dem die Kinder anvertraut wurden, damit er sie zur Schule führt. Schule war dazumal allerdings etwas völlig anderes als das, was wir heute darunter verstehen, aber dies ist für unser Thema unwe­sentlich. Der Pädagoge hatte mit Unterrichten und Erziehen nahezu nichts zu tun, er hatte nur dafür zu sorgen, daß das Kind zum richtigen Zeitpunkt an Ort und Stelle war, wo es unterrichtet oder erzogen werden sollte, wo es lernen konnte.

Erst mit der Missionstätigkeit der christlichen Kirchen wurde „Pädagogik“ als Hilfsfach für die Bekehrung der Menschen begründet: Sie sollte dem Missionar Mittel und Methoden an die Hand geben, sein Ziel - die Belehrung und Bekehrung des Menschen - zu erreichen. Der Missio­nar sollte als Päda­goge den Heiden in den Schoß der Kir­che führen. Dem Wort „Pädagog“, gebil­det aus den altgrie­chischen Wörtern paidos, das Kind, und agein, führen, (also „Kindesführer“,) wurde die Silbe -ike, die zur Kenn­zeichnung eines Sachgebietes dient, beigefügt: Denken Sie nur an Physik, Mathematik, Informatik, und so weiter. Pädagogik ist also ein jenes Fach­gebiet, welches „das Führen des Kindes” umfaßt.

Wir sollten uns vor Augen führen, was hier geschah: Erst­mals in der Geschichte der Menschheit mußten Men­schen aus einem Kulturkreis (die Missionare) andere Menschen aus verschiedensten anderen Kulturkreisen (die Heiden) gewis­sermaßen zu einer „Einheitskultur“ zusam­menführen. Der Pädagoge bekam dadurch als „Ziel des Führens“ nicht mehr bloß einen geogra­phisch bestimmten Ort („die Schule“, „die Kirche“), sondern einen geistigen Standpunkt, ein vorgege­benes Denkmuster, eine Denk­weise, um zwischen „gut“ und „böse“ zu unterscheiden.

So wurde Pädagogik Teil der Philosophie: Gebildet aus den altgriechischen Wörtern philos, der Freund, und sophia, die Weisheit, heißt Philosophie eigentlich nur „Freund­schaft zu umfassender Einsicht, Erfahrung und Klugheit, die aus der Betrachtung der Dinge und des Lebens wach­sen“ - die Grundbedeutung des Wortes „Weisheit“. Der Missionar muß Glauben verbreiten. Wer aber läßt sich schon gerne seiner eigenen Religion und Kultur berauben und zu einer fremden Religion bekehren? Damit dies aber dennoch effizient ge­sche­hen konnte, mußte der Missionar vor allem vom Men­schen und seinem Streben viel verste­hen. Philosophie, im rechten Sinn betrachtet und betrie­ben, führt zu Erkenntnis und Einsicht. Deshalb betrachtet man Pädagogik als mehr oder weniger klar abgegrenztes Gebiet der Philosophie.

Der Missionar durfte als „Pädagoge“ für sich einen göttli­chen Auftrag reklamieren: Alle Menschen mußten Christen wer­den, denn ohne den rechten Glauben war der Mensch nichts. Er durfte das Recht ableiten, alles von der „reinen Lehre Abwei­chende” auszumerzen, Fehler zu bestrafen und Gegner zu zer­stören. Im Grunde danken wir den christlichen Kirchen somit nicht nur die Pädagogik, son­dern auch die Krebszellen ihres Verfalls. Das offensicht­liche Erfolgspotential der philo­sophisch begründeten Päda­gogik machte sie anfällig für Miß­brauch: Jeder Machthaber bediente sich ihrer für seine Ziele. Dem Kaiser half sie, brave Untertanen heranzubilden, dem Despoten erzog sie brave Soldaten, der Kirche brave Pasto­ren („Hirten“) und Schafherden. Pädagogik erwies sich auf jedem Gebiet nützlich und erfolgreich; sie wurde von den Mächtigen wie eine Hure gehalten.

Obwohl das moderne Pädagogikstudium sich offenbar mit der „Pädagogik-Geschichte“ erschöpft, erfährt kein Lehr­amts-Kandidat auch nur andeutungsweise von diesem ge­schichtlichen Hintergrund. Ihm verdanken wir aber die heute noch verbreitete Geisteshaltung des Lehrers, derzu­folge der Schüler erst „zur Einsicht gebracht” werden müsse; daß der Schüler lieber „nichts lernen“ wolle und am liebsten nichts täte oder höchstens bloßen Unsinn. Er bot (unschuldig) die Grundlage für die heute noch weit verbreitete (allerdings doch schon meist als autoritär und präpotent verachtete) Geisteshaltung, daß der „gebildete Mensch“ etwas und der „ungebildete Mensch” nichts sei. Doch dieser letzte Aus­wuchs wurde erst möglich, nachdem das (christliche) Men­schenbild vom „Ebenbild Gottes” zum (materialistischen) „hochentwickelten Säugetier“ gewan­delt worden war.

Die moderne Lehre behandelt Pädagogik als Domäne der Psychologie, selbst erst seit kurzem als Wissenschaft ein­gestuft; Psychologie als „Seelenkunde“ (- das ist die eigent­liche Bedeutung des Wortes, -) wurde um 1875 von Dr. Wil­helm Wundt, zuerst in Heidelberg und später in Leipzig, ab­geschafft und experimentell auf Physiologie (d.h. „Körper­kunde“) be­gründet und neu definiert.

Man reduzierte sie auf das Erforschen von Verhalten und Reaktionen - das sind Dinge, die den Kriterien der „reinen Wissenschaft“ eher entsprechen als unwägbarer, unsicht­barer Geist. Verhalten und Reaktionen auf Reize lassen sich repro­duzieren, zählen, bewerten, statistisch erfassen.

Edward Lee Thorndike, ein amerikanischer Pionier dieser neu­en Psychologie, der (wie der Russe Pavlov) haupt­sächlich mit Tieren experimentierte, definierte Psychologie als „Wis­sen­schaft vom Intellekt, Charakter und Verhalten der Tiere, ein­schließ­lich des Menschen.“ Tier und Mensch sind für ihn Lebewesen gleicher Art - triebbestimmte Le­bewesen. Die Geschichte der Psychologie ist für das The­ma „Pädagogik“ deshalb so bedeutend, weil Pädagogik und das Verständnis des Lernens durch nichts so umwäl­zend beeinflußt wurden, wie durch die neue Psychologie. Als Wissenschaft vom Verhalten und von den Reaktionen hat sie sich im Bereich der Propaganda und der Werbung ihre Sporen verdient. Menschen, die gestern ein bestimm­tes Produkt noch nicht gekauft hatten, es heute aber dank psychologischer Beeinflussung kaufen, hätten „gelernt“. Auf der Grundlage, daß Tier und Mensch Lebewesen glei­cher Art mit Unterschieden nur im Grad der Spezialisie­rung wären, hatte die moderne Psychologie eine Definition für „lernen“ gewählt, die sowohl auf das Tier als auch auf den Menschen anzuwenden ist - die aber den Menschen auf ein Tier reduziert. Das „Lexikon der Psychologie“ (Her­derbücherei 1987) sagt uns dazu: „Obwohl Lernen der am meisten untersuchte Gegenstand der Psychologie ist, liegt keine einheitliche Definition vor; die Vielzahl der Definiti­onsversuche läßt sich ... zusammenfassen: Mit Lernen werden relativ überdauernde Änderungen der Verhaltens­möglichkeiten bezeichnet, soweit sie auf Erfahrung zu­rückgehen.“ Mit anderen Worten: Das gesamte Heer mo­derner „Psychologen” erwies sich unfähig, über den Men­schen so viel herauszufinden, daß sie sagen könnten, wie er lernt.

Eine politische Lobby ersetzte (1919) aus leicht nachvoll­zieh­baren Gründen in den Gesetzen der Lehrerbildung das Fach „Pädagogik“ durch „Pädagogische Psychologie“. Pä­dagogik hatte einen schlechten Ruf: War sie für die Kirche das „Werk­zeug“ zur (religiösen) Bekehrung, so hatte sie dem Monarchen zur Erziehung von Untertanen gedient. Also bot sich die „wissenschaftliche pädagogische Psycho­logie“ als Mittel zur poli­tischen Umerziehung an. Hatte die „klassische Pädagogik“ im Dienst der einst Mächtigen eine an „geistigen Werten orien­tierte“ Gesellschaft (wobei nur sie selbst „die Werte“ bestimm­ten,) geschaffen, so schuf die „pädagogische Psychologie“ eine an der „Befriedigung der vitalen Triebe orientierte” Gesell­schaft, die Konsumge­sellschaft, und legte den Grundstein für unsere heutige Psychokratie, die seelenlose Psycho-Herrschaft.

Als Kunst hat Pädagogik das Ziel, Kinder zur verantwor­tungsbewußten Selbständigkeit zu führen, damit sie von diesem Ausgangspunkt Neues, Weiterführendes schaffen können: Der Mensch ist wohl das einzige Lebewesen, das Zukunft bewußt kennt und gestaltet. Anders als Erzie­hung, die jeder Erwach­sene gegenüber Kindern bewirken kann, verlangt Pädagogik als Kunst neben „Handwerkli­chem“ auch fundiertes Grundlagen­wissen. Wer jemanden oder etwas führen will, muß über die Natur und Fähigkei­ten des zu Führenden bestens Bescheid wissen. Vergleichen wir mit einem Fahrzeugführer: Da ist offen­sichtlich, daß er vor allem über sein Fahrzeug Bescheid wissen muß, um es über eine beliebige Route an ein belie­biges Ziel zu führen.

In diesem Sinn verstanden ist Pädagogik die Kunst, junge Menschen an das gesamte Wissen des Kulturkreises auf eine Weise heranzuführen, daß sie dann fähig sind, vom bisher (von den Vorfahren) Erreichten ausgehend neue, bessere, umfassendere Kultur zu schaffen. Führen wir uns vor Augen: In der Demokratie haben wir weder einen Sou­verän noch eine Kirche, die uns Kultur diktieren, wir müs­sen sie selbst schaffen. Päda­gogik muß also vor allem die „im Menschen angelegten Fähigkeiten und Möglich­keiten ihrer Entwicklung” vermitteln.

Bis 1919 war in der Lehrerbildung das Ziel pädagogischer Stu­dien noch genau so definiert, die an unseren Schulen gelehrte Pädagogik weiß davon aber nichts. In modernen Lexika und an den Pädagogischen Bildungsstätten unserer Zeit wird sie hin­gegen als „Erziehungswissenschaft“ erklärt und behandelt. Wird da nicht der Einfluß aus jener Zeit deutlich, als man Pä­dagogik zur „Erziehung“ aller mögli­chen Arten von Unter­tanen mißbrauchte?

Pädagogik als „Wissenschaft“ wurde zum Sammeln und Ord­nen von Daten über Pädagogen und pädagogische Systeme der Geschichte. Sie wurde reduziert auf Tatsa­chen, die man lernt, statt aus ihnen zu lernen. Das We­sentliche - das Handwerkli­che, nämlich das, was die Kunstfertigkeit des Führens aus­macht, und das Philoso­phische, nämlich das aus der Beobach­tung des Men­schen und des Lebens Gewonnene, - fehlt völlig.

Politiker mißbrauchten Pädagogik gar zum doppelten Be­trug am Menschen: Die Ausbildung der Lehrer betreibt Ettiketten­schwindel, sodaß Schüler von Menschen geführt werden, die nur zufällig etwas davon verstehen.

Wir alle brauchen Pädagogik als angewandte Kunst an den Schulen!


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